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Sexualität: Eine Bühne für nicht-sexuelle Bedürfnisse

Ein Einblick in die Wissenschaft

– von Christian Siegling

Wie kann in dem Wirrwarr von gesellschaftlichen Vorstellungen und Angeboten, biblischen Maßstäben, inneren Wünschen, eigenen Erfahrungen und Gefühlen, etc. Sexualität gelingen?

Die Bibel gibt uns nicht für alles eine Auskunft und Antwort, aber wir dürfen wissen, dass wir nach Gottes Bild geschaffen sind. Darin liegt das Potenzial eines großen Segens, aber zu gleich eine große Spannung, unsere Realität mit dem Schöpfungsgedanken Gottes in Verbindung zu bringen. Weil wir sehen, dass uns vieles nicht gelingt!

Wir sind aufgespannt zwischen dem menschlichen Scheitern und der göttlich herrlichen Sexualität nach dem Bild Gottes. „Siehe, es ist sehr gut!“ (1. Mose 1)

Maslow hat als Psychologe und Verhaltensforscher 1943 in seiner Veröffentlichung der „Bedürfnispyramide“ die Sexualität noch den physiologischen Grundbedürfnissen zugeordnet und auch in den 70er und 80er Jahren galt in der Sexualpsychologie das Verständnis vom Sexualtrieb als ein „Dampfkessel Modell“, bei dem es durch eine Anhäufung inneren Drucks von Zeit zu Zeit zu Entlastungen und Entladungen kommen muss. Dem Sexualtrieb wurde hier eine mächtige Rolle zugeschrieben und nicht selten wurde daraus gefolgert, dass der Mensch seinen Trieben ausgeliefert sei und sein sexuelles Verlangen letztendlich von Hormonen und biologischen Faktoren gesteuert sei.1

Mittlerweile hat man sich in der psychologischen und soziologischen Forschung und den daraus resultierenden Theoriekonzepten auf eine andere Vorstellung der Sexualität geeinigt, die als „Ressourcenmodell“ bezeichnet wird. „Statt eines bestimmenden und mächtigen Sexualtriebs, auf den der Mensch nur defensiv reagieren kann, kommt jetzt die Vorstellung ins Spiel, dass Sexualität wählbar ist, als Gegenstand von Entscheidungen, die man so oder so treffen kann.“2

Sexualität – ein Zusammenspiel mehrerer Dimensionen
Die Sexualität ist als eine im Biologischen verankerte, aber nicht notwendig manifest werdende Möglichkeit des menschlichen Erlebens und Verhaltens definiert. Sie hat keine Unbedingtheit (etwas flapsig gesagt: Sonst würden alle Menschen auf den Bäumen sitzen und masturbieren). Stattdessen wird die Sexualität als multifaktorielles Konzept betrachtet: Sie ist eine biologische, psychologische und soziale Erlebnisqualität des Menschen.

Nur im engeren Sinne bezieht sie sich auf Geschlechtsorgane, Keimdrüsen, aber auch Sinnesorgane und auf hirnorganische Funktionen.

Sexualität im erweiterten Sinn bezieht sich auf alles, was mit Geschlechtsidentität, Paarbildung und Sexualität zu tun hat und dabei auch auf eine individuell gestaltete und kulturell ausgehandelte Wertebasis.

Insgesamt beinhaltet sie folgende Dimensionen3:

  • Fortpflanzungsdimension
    (äußere und innere Geschlechtsorgane, Hormone, als Form und Möglichkeit, Leben weiterzugeben)
  • Beziehungsdimension
    (Hier schalten sich Teile im Gehirn dazu: Beziehung zu Nähe und Geborgenheit, Selbstwert, Kraft, Stärke etc.)
  • Lustdimension
    (Lustgewinn durch sexuelles Erleben zwischen Anspannung und Entspannung)

    Wir sehen, dass allein durch diese Differenzierung verschiedene Bedürfnisse bedient werden: Zur Fortpflanzungsdimension gehört, dass der Mensch fruchtbar und generativ sein will. Zur Beziehungsdimension menschlicher Sexualität gehört, dass eine Person Lust hat auf Nähe, akzeptiert, umarmt, wertgeschätzt zu werden, sich fallen lassen zu können oder Geborgenheit erleben will.

    Schließlich bleibt noch die Lustdimension, die einsam oder gemeinsam gelebt werden kann und die Möglichkeiten des Lustgewinns durch sexuelles Erleben beschreibt.

    Die Beziehungsdimension kann von der Lust und Fortpflanzungsdimension in den Hintergrund gedrängt werden, aber Sexualität ohne Beziehung gibt es nicht!

    Was ist normal – was ist „typisch Mann“, was ist „typisch Frau“?
    Weil die Sexualität in ihrer individuellen Ausgestaltung lebensgeschichtlich geprägt ist (Was habe ich in meiner sexuellen Entwicklungsgeschichte alles schon erlebt bzw. nicht erlebt? In welcher Lebensphase befinde ich mich gerade?), gibt es nicht eine weibliche und männliche Sexualität, sondern eine „Susanne“ oder eine „Christian“ , eine „Markus“ und eine „Annette“ Sexualität (also jede und jeder hat eine eigene individuelle Sexualität). Es mag sein, dass es manche etwas häufiger vorkommenden Geschlechterstereotype dazu gibt (also „typisch Mann“ oder „typisch Frau“), aber wir haben in vielen Gesprächen gemerkt: Hilfreich ist diese Vor Festlegung oft nicht!

    Es gibt nie die „ideale Sexualität“, sondern nur die, die wir anhand unserer Geschichte, als die Personen, die wir sind, mit dem Stand der Entwicklung, den wir gerade haben, in der Realität leben können.

    Geärgert hat mich z. B. im Sexualratgeber von Tracey Cox „Hot Sex – Das Standardwerk zum Thema Nummer Eins“, in dem auf über 500 Seiten alles Mögliche über menschliche Sexualität geschrieben steht, dass dort folgende Aussage zu vorschnellen Ejakulationen und Orgasmen zu lesen ist: Das wäre ausschließlich ein Problem der Männer, noch nie musste man (nach Aussage der Autorin) bei einer Frau einen Orgasmus hinauszögern.

    Schade, dass diese Verallgemeinerungen und Festlegungen dazu führen, dass sich Männer oder Frauen „falsch“, „nicht normgerecht“ oder „verkehrt“ fühlen. Ich habe bei Seminaren und in Beratungen von Frauen erfahren, die – wenn ihr Partner nicht aufpasst – sehr schnell zum Orgasmus kommen und dann für weitere Berührungen „überreizt“ sind, und auch das ist ganz normal und nicht abstrus! So haben wir (hoffentlich!) in vielen Eheseminaren zum Thema Sexualität, in zahlreichen Paarberatungen und Einzelgesprächen in den letzten 20 Jahren dazugelernt: Dass es vielleicht Tendenzen gibt, was häufiger bei Männern oder Frauen eine Rolle spielt, aber dass es bei Paaren auch ganz anders sein kann!

    Wenn es keine „ideale“ Sexualität gibt, dann dürfen wir doch zumindest auf der Suche nach einer gelingenden“ oder gesunden Sexualität sein?
    Eine gelingende Sexualität zeichnet sich durch das Vorhanden sein von Selbstregulierungsfähigkeiten aus. Diese Selbstdifferenzierung ist ein psychisches Modell, sie hat zunächst nichts mit Sexualität zu tun, aber ist ein Beitrag/eine Voraussetzung für gelingende Sexualität4:

    • Emotionsregulation, d. h. man kann Gefühle ausdrücken, ich kann meine Erregung nach außen geben, aber bin meinen Gefühlen nicht zwingend ausgeliefert
    • Objektdifferenzierung, d. h. der Mensch muss seine Autonomie, sein Selbst Sein, seine Ich Position und Bedürfnisse wahren und gleichzeitig Bedürfnisse anderer zulassen und das voneinander trennen können (also sich im Klaren sein: Was will ich? Was will der andere?)
    • Intimität: Der Mensch hat eine Fähigkeit zur Bindung, d. h. er kann sich frei auf Beziehung einlassen und muss keine Angst vor Vereinnahmung oder Bedürfnisverlust haben.
    • Rationalität, d. h. unbehagliche Situationen können rational balanciert werden und müssen nicht unbedingt blockieren

    Für viele Menschen verspricht die Sexualität die Befriedigung zentraler Bedürfnisse – und manchmal geht das sogar in Erfüllung. Oben genannt sind die Faktoren, die jede und jeder Einzelne dazu für sich sortieren und bearbeiten muss. Schon hier wird deutlich, dass es Probleme und Herausforderungen geben kann für Menschen mit Selbstwertproblemen, mit Bindungsproblemen oder mit Problemen der Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

    Aus den oben genannten Prinzipien (Sexualität als Zusammenspiel von mehreren Dimensionen und die Analyse einer gelingenden Sexualität mit der Entwicklung von Selbstregulierungsfähigkeiten) geht hervor, dass sich Sexualpädagogik und Sexualpsychologie weit weniger mit sexuellen Dingen beschäftigen als wir oft meinen, sondern stattdessen mit Bindung, Umgang mit Gefühlen, etc.

    Zunächst betrifft das ja die eigene Person und Persönlichkeit. Geht es dann um das Erleben von Sexualität mit einem Partner, wird es spannend bzw. dramatisch, denn auf der Bühne der partnerschaftlichen Sexualität werden dazu noch Themen und Rollen gespielt, die dort gar nicht hingehören oder besser einen anderen Platz im Leben bekommen sollten. Denn die partnerschaftliche Sexualität ist ein sehr intimer, verletzlicher und oft auch schweigender Raum, der leicht zerstört und sogar traumatisiert werden kann!

    Wollen wir eine selbstbestimmte und bedürfnisgerechte Sexualität gestalten, dann müssen wir in Kontakt bleiben – vor allem mit den Bedürfnissen, die unsere Identität und Persönlichkeit tragend bestimmen.

    Die Bedeutung nicht-sexueller Bedürfnisse
    Zusammenfassend kann man sagen:

    Gelingende partnerschaftliche Sexualität hängt sehr von der Balance und der Erfüllung nicht-sexueller Bedürfnisse ab.

    Dabei verändern sich Bedürfnisse im Laufe des Lebens – eine junge Ehe hat andere Bedürfnisse als eine Ehe in einer Krise oder in der Phase der Geburt eines Kindes.

    Was können nun solche „nicht sexuellen“ Bedürfnisse sein, die es unserer partnerschaftlichen Sexualität manchmal schwer machen? Hier ein Beispiel: Eine Frau möchte sich z. B. einfach mal fallen lassen können, mit ihrem Partner verschmelzen. Sie möchte geliebt und angenommen sein. Ihr Mann hat das Bedürfnis, kraftvoll zu sein und Neues zu entdecken. Er möchte seine Wildheit spüren und ausgelassen sein (könnte natürlich genauso gut andersherum sein). Wenn sich die beiden nicht über ihre doch sehr unterschiedlichen nicht sexuellen Bedürfnisse im Klaren sind und darüber auch ins Gespräch kommen, können intime Begegnungen wenig zufriedenstellen oder auch konflikthaft verlaufen: „Komm, wir probieren was Wildes und Neues aus!“ – „Ich will mich einfach nur fallen lassen können und gar nichts Neues ausprobieren!“

    Typischerweise haben Paare dabei nicht immer (oder selten?) die gleichen Bedürfnisse. Sich über seine eigenen, zurzeit wichtigsten Bedürfnisse im Klaren zu werden, ist der erste Schritt. Der nächste Schritt ist, sich zu überlegen, wo und wann und mit wem ich dieses Bedürfnis (auch im nicht sexuellen Bereich, denn es sind ja auch zugrundeliegende nicht sexuelle Bedürfnisse) ausleben bzw. umsetzen kann. Für mich persönlich war es ein großer Erkenntnisgewinn, dass ich selbst ein Bedürfnis habe, Abenteuer und Neues zu erleben, meine Frau aber weniger oder gar nicht. Dieses zunächst ja nicht sexuelle Bedürfnis hat sich auch in unserer Sexualität gezeigt und für Konflikte und Unzufriedenheit gesorgt. Als ich mir überlegt habe, mit wem und mit welchen Aktivitäten ich in meinem Leben und in meiner Freizeit für Abenteuer und Spannung sorgen kann, hat sich auch unsere partnerschaftliche Sexualität entspannt.

    Ach ja: Es gibt übrigens immer einen Partner mit schwächerem und einen mit stärkerem Verlangen. Das gilt nicht nur für Sex und Intimität, sondern genauso für Hausarbeiten und Verwandtenbesuche.

    Komme mit dir (und deinem Partner, wenn du einen hast!) über deine Bedürfnisse ins Gespräch und in Kontakt! Gerne auch in einem unserer Seminare für Singles oder Paare!

    1. Schnarch, David: Intimität und Verlangen, S. 13 ↩︎
    2. Clement, Ulrich: Dynamik des Begehrens, Systemische Sexualtherapie in der Praxis, S. 48 ↩︎
    3. Definition nach Baier/Loewit, die in der Charité in Berlin in der Sexualmedizin und -therapie arbeiten ↩︎
    4. z. B. David Schnarch: Die Psychologie sexueller Leidenschaft, ab S. 160 „Die Dynamik des Begehrens“ ↩︎
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