Jetzt spenden

Sexualität als Single

Wie kann ich meine Bedürfnisse ernst nehmen?

– von Tanja und Gerd Hutschenreuter

Tanja und Gerd berichten aus ihrem Singleleben, über den Umgang mit der Sexualität und welchen Einfluss dieser auf ihr Leben hatte.

Tanjas Geschichte:

Das Leben als Single mit sexuellen Bedürfnissen
Ich befand mich als Erwachsene in einem Dilemma, bis zu meinem 39. Lebensjahr. Meine Sehnsucht nach Berührungen eines Mannes und intimem Geschlechtsverkehr waren schwer ertragbar. Manchmal schrie diese so laut und war kaum auszuhalten. Sexuelle Befriedigung durch eine andere Person zu erhalten, wollte ich mir für den Schutzrahmen der Ehe bewahren, jedoch wurden durch diese Entscheidung meine Bedürfnisse nicht gestillt.

Gott hat uns Menschen ein sexuelles Bedürfnis ins Herz gelegt. Manche spüren dies weniger, manche stärker. Bei einer Frau kann es sein, dass es verstärkt in der Zeit des Eisprunges hervortritt. Dieses Bedürfnis sehnt sich danach, erfüllt zu werden und das ist etwas ganz Normales.

Was mache ich als Single mit meinen sexuellen Bedürfnissen, wenn kein Partner da ist?
Ich fühlte mich mit diesem Thema in der christlichen Welt sehr alleine. Nicht nur alleine – etwa ab meinem 30. Lebensjahr quälte mich meine Enthaltsamkeit immer mehr. Der Satz „warte bis zur Ehe“ stillte nicht meine Sehnsucht – im Gegenteil! Ehrlich gesagt fühlte ich mich schlecht damit, verurteilt und allein gelassen. Denn ich hatte das Gefühl, dass ich das sexuelle Verlangen als Single nicht empfinden darf oder wenn ich es empfinde, unterdrücken muss. Somit begann ein Kreislauf des Sich-Verleugnens und des Kampfes gegen das sexuelle Empfinden. Dies endete in einer eigenen Schuldsprechung, einer ungesunden Ausübung bei der Selbstbefriedigung und das bewusste Schauen von Filmen mit sexuellen Inhalten (z. B. Schnulzenfilme).

Ist es nicht das Natürlichste, wenn eine Ehefrau sexuelle Gelüste oder Wünsche hat und diese von ihrem Mann gestillt bekommt? Grundsätzlich ist es auch nicht verwerflich, wenn sie im Stress ist und diesen durch den Geschlechtsverkehr abbaut. Wenn mir jedoch als Single dies auch gut tun würde und ich mich danach sehne, verbietet dies oft unser moralisches christliches Denken. Wie kann jetzt aber ein guter Umgang mit mir selbst und meinen Bedürfnissen aussehen?

Ich bin durch einen Lernprozess gegangen, um achtsam, wertschätzend und rücksichtsvoll mit mir umzugehen.

Als Jugendliche habe ich die Selbstreizung kennengelernt. Später kam es oft nach Stresssituationen oder ungestilltem sexuellem Verlangen dazu. Sehr lange verdammte ich mich dafür und sah mich als Sünderin und somit schuldig. Ich versuchte oft, davon wegzukommen, was mir jedoch nicht gelang. Irgendwann, nachdem ich einer Freundin davon erzählte, erfuhr ich überraschenderweise Verständnis und Mitgefühl. Verständnis für mein Verlangen, meine Sehnsucht und die Befriedigung. Dies half mir sehr. Ich beendete meine Selbstbeschuldigung und gab der Selbstreizung einen Platz in meinem Leben. Damit gab ich meinem Sein ein Recht auf Sexualität.

Eine Herausforderung war für mich die Suche nach Gottes Gedanken zu diesem Thema. Die Bibel schreibt nicht über die Selbstbefriedigung bzw. Selbstreizung. Sie spricht für mich klar über die Sexualität zweier Menschen mit dem Platz in der Ehe. Ermutigend und bestätigend für die innere Zerrissenheit bei sexuellen Gefühlen ist für mich der Bericht im Hohenlied aus dem Alten Testament. Hier erfahre ich dies zwischen zwei Menschen, kurz vor der Ehe, die in ihren leidenschaftlichen Worten fast zügellos miteinander umgehen. Das sexuelle Verlangen ist so groß, dass sie manche Grenze vergessen könnten. Interessant ist, dass Gott hier nicht tadelnd einschreitet. Dass Gott diesem Bericht einen Platz in der Bibel gegeben hat, ist für mich auch ein Zeichen seines Mitgefühls, Verstehens und seiner Annahme unserer sexuellen Gefühle. Die Bibel zeugt für mich von einem gnädigen und barmherzigen Gott, der uns durch und durch kennt. In meiner Lösungsfindung erfuhr ich in Gott Frieden. Jedoch muss dies nicht der richtige Weg für jeden sein, der Gottes Frieden hierin sucht.

Selbstreizung ist für mich keine Sünde mehr, jedoch ein Weg mit positiven und negativen Auswirkungen. Denn die Selbstreizung endete bei mir immer mit einer Leere, die stärker war als davor. Eine Leere, weil da kein Partner war, nur ich. Diese Leere konnte ich mit nichts füllen.

Dann war da auch der bewusste Konsum von Filmen mit Sexszenen. Besonders in Stresssituationen schaute ich mir diese an. Danach wurde dadurch die Einsamkeit nur noch verstärkt und somit der Zwang zur Selbstreizung. Ich vergaß Freizeitaktivitäten oder Dinge, die mir auf andere Art gut getan und diesen Zwang nicht unterstützt hätten.

Ja, Gott stillt Bedürfnisse, aber nicht jedes
Für mich stillt er sein Maß an Liebe für mich, jedoch nicht die Liebe und Sexualität eines Partners. Mit dieser Lücke musste ich lernen zu leben, sie akzeptieren und lernen, damit gut umzugehen. Über diesen Verlust darf ich auch wütend, enttäuscht und traurig sein. Wichtig waren hier meine Gespräche mit meiner Freundin und mit Gott, wo ich all meine Gefühle sagen durfte und Trost empfing. Mir selbst gesunde Grenzen zu setzen und wenn ich es nicht aushielt, den Druck durch Selbstreizung freizusetzen, war eine gute Methode für mich und meine Selbstannahme. Bei meinem Filmkonsum setzte ich jedoch strengere Grenzen.

In der Akzeptanz der Selbstreizung war mir nicht bewusst, dass es Auswirkungen auf die Sexualität in der Ehe haben kann. Da mein Gehirn meine Selbstreizung für den Orgasmus gespeichert hatte, konnte ich in der Ehe eine lange Zeit keinen Orgasmus erleben. Denn ich vermisste meine eigenen Berührungen. Ich musste zulassen, dass ein Orgasmus durch meinen Partner sich anders anfühlt. Dies war ein schwieriger Weg für uns beide.

Gerds Geschichte:

Das Leben als Single nach einer Scheidung
Aus meiner ersten Ehe kommend und nun wieder Single, befand ich mich in einem Dilemma: Wie soll ich mit meinem sexuellen Verlangen umgehen? Dazu muss ich sagen, dass ich schon seit meiner Teenager Zeit einen Weg der Selbstreizung gewählt hatte, um in den Anfängen meiner ersten Beziehung bewusst nicht mit meiner Partnerin zu schlafen. Das „gelang“ – aber zu welchem Preis? Eine Beratung in der Verlobten Zeit zeigte mir auf, dass auch in der Ehe die Selbstreizung für den Mann aufgrund der unterschiedlichen Liebessprachen ein Weg sei. Ich begriff schon zu dieser Zeit, dass es keine Selbst-Befriedigung ist, da die Erfüllung fehlte. Der Preis, den ich zahlte, war hoch, da ich von Anfang an nicht gelernt hatte, mich körperlich und emotional wirklich auf den Anderen ein zulassen.

Was fehlte zu dieser Zeit?
Freunde, mit denen ich mich über diesen Zwiespalt hätte aus tauschen können, offene Männer, die untereinander auch von ihrer Sexualität berichtet hätten, um daran zu wachsen und sich zu helfen.

Als ich dann mit 47 Jahren nach der Trennung meinen Weg als Single gehen musste, startete Gott mit mir einen Reifeprozess – ja, echt spät, aber nicht zu spät. Ich begriff erst durch die Teilnahme am „Versöhnt leben“ Seminar von team-f nach und nach, was es heißt, mit meinem sexuellen Verlangen umzugehen. Vielleicht mag es sich für dich schräg anhören, aber ich lernte, disziplinierter mit meinem Körper umzugehen. Dabei veränderte sich auch mein Verhalten.

Was half mir im Besonderen?
Ich hatte ein sportliches Ziel im Auge: vor meinem 50. Geburtstag einen Marathon laufen. Das verlangte mir körperlich viel ab, erfüllte mich aber auch gleichzeitig. Außerdem ging ich meiner zweiten Leidenschaft nach, der Musik. Diese beiden Aktivitäten erfüllten mich derart, dass mein Verlangen zur Selbstreizung immer mehr in den Hintergrund trat. Ja klar, ich wurde auch älter. Aber ich wollte doch auch eine erfüllende Sexualität leben. Zwei Bibelstellen brachten mich in dieser Zeit auf meinen neuen Weg: Hebräer 12,1-3 und Römer 12,1-2. Ich wollte nun endlich meine Gesinnung ändern.

Du wirst fragen: Gelang das? Ja, aber ehrlich gesagt mit weiteren Höhen und Tiefen – doch konnte ich darin mit Jesus folgendes neu leben: Wahrhaftigkeit, Gnade und Selbstannahme – ich war und bin gut so, wie Gott mich gedacht hat, eben auch mit meinen körperlichen Bedürfnissen. Tanja schrieb es ja schon: Durch meine Prägung der Selbstreizung hatten wir auch einige Jahre einen schwierigen Weg in eine erfüllte und partnerschaftliche Sexualität.

Das ist für mich eine wichtige Erkenntnis, die ich mit dir teilen und dich gerne anstoßen will, für dich und deinen Umgang mit dir nachzudenken. Ich verurteile die Selbstreizung heute nicht mehr, jedoch hat diese eine Macht über uns und es ist wichtig, dass du dir dessen bewusst bist.

Du bist in Christus in der Lage, einen guten Weg mit deiner Sexualität zu finden.

Das wünsche ich dir von Herzen und bete dafür.

Begriffsklärung „Selbstbefriedigung – Selbstreizung“

Landläufig sprechen wir von Selbstbefriedigung, wenn eine Frau/ein Mann durch eine Stimulation einen Orgasmus oder eine Ejakulation hervorruft.

➜ „Selbstbefriedigung (Masturbation)“:
Im häufigsten Fall handelt es sich bei der Masturbation um eine geschlechtliche Selbstbefriedigung, also eine Form der Autosexualität.

Ein anderer Begriff, der in christlichen Kreisen bekannt ist lautet: Onanie (abgeleitet von der biblischen Gestalt Onan) – dieser führte jedoch einen Coitus interruptus aus, um die Zeugung eines ihm unerwünschten Kindes zu vermeiden (1. Mose 38,1-11; EU); danach wurden Menschen, die masturbierten, auch Onanisten genannt.

➜ „Selbstreizung“:
Der Begriff ist abgeleitet aus dem Begriff Intracranial self stimulation (ICSS), auf Deutsch: „intrakraniale Selbstreizung“.

➜ Erläuterung zum ICSS (erstmals 1954 von J.Olds/P. Milner in einem Verhaltungsforschungs Experiment verwandt):
Bei der ICSS kann sich das Versuchstier durch Tasten druck selbst über eine vorher vom Experimentator in ein bestimmtes Hirnareal implantierte Elektrode reizen. Eine solche Selbstreizung wird von der Ratte sogar dem Fressen und dem Sex vorgezogen, weil hier Suchtzentren („reward centres“, „pleasure centres“) direkt stimuliert werden (z. B. Präfrontaler Cortex, Thalamus, Nucleus accumbens).

Selbstreizung bedeutet daher für die Autoren dieses Artikels, dass die oder der Durchführende einer solchen sexuellen Stimulation einerseits einen Automatismus aktiviert. Da dies gleichzeitig auch die körperliche Druckentlastung ist, wird daraus oft ein „Antrainieren“ von Verhalten, welche jedoch keine tiefe Erfüllung beinhaltet.

➜ Warum also Selbstreizung und nicht Selbstbefriedigung?
Für uns ist der Begriff passender, denn nach der „Selbst Erfahrung“ erfuhr jeder von uns keine Befriedigung, sondern vor allem eine körperliche Erleichterung.

zurück zur Übersicht