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Verheiratet mit einem Narzissten

Ein gefährliches Spiel

– Die Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie ist verheiratet, Mutter und arbeitet als christliche Beraterin in eigener Praxis.

Mit 38 Jahren stehe ich vor dem zerfallenen Kartenhaus meines Lebens. Der Mann, dem ich 16 Jahre unter allen möglichen Widrigkeiten die Treue hielt, hat ein kaltes Grinsen auf dem Gesicht: »Sorry, ich bin ein A… . Für mich sind Menschen wie Schachfiguren, die ich nach meinem Belieben benutze.« Mich brauchte er nicht mehr.

Topf findet Deckel – meine Geschichte
Nein, dieser Mann passte doch nicht zur 21-jährigen idealistischen Studentin aus wohlbehütetem christlichen Elternhaus. Ein Bänker, elf Jahre älter und aus einem ganz anderen sozio-kulturellen Hintergrund. Wir lernten uns in einer Freikirche kennen. Über seine Vergangenheit sprach er mit offenen Karten: Missbrauch in der Kindheit, Zerwürfnis mit seinem Vater, Drogen und Gefängnisaufenthalt als junger Erwachsener und eine Scheidung. Von seinen Schulden erfuhr ich erst, als wir verheiratet waren.

Wie kommt eine junge Frau auf die Idee, so einen Mann zu heiraten? Bis heute ist mir kein Mensch begegnet, der so ein Charisma hat, so eloquent, witzig, charmant und gewinnend oder besser gesagt manipulierend mit Menschen umgehen kann, wie mein Ex-Mann.

Narzissten haben es in christlichen Kreisen leicht, ihr Unwesen zu treiben.

Denn als Christen sind wir aufgefordert, jedem Menschen eine zweite Chance zu geben, charakterliche Schwächen zu verzeihen und an Veränderung zu glauben! »Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden.« (2. Korinther 5,17) Mein Ex-Mann beteuerte, dass Gott seine Vaterbeziehung geheilt hätte. Also alles gut! Mit Taktik und Charme fing er seinen Eroberungszug an. »Du warst meine größte Trophäe! Junge, attraktive Frau, Tochter eines Ältesten«, so seine Worte bei der Trennung. Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab und übernahm meine Vision, Kirche zu bauen. Ich glaubte seinen Worten mehr als meiner Wahrnehmung.

Jede Gelegenheit nutzte er, um sich in den Mittelpunkt zu stellen. Er war süchtig nach Anerkennung. Dass sich dahinter ein verletzter Junge verbarg, der sich nach Liebe und Bestätigung sehnte, war mir schon damals bewusst. Heute weiß ich, dass mein eigener Liebestank nicht viel voller war. Meine Überzeugung stand fest: Gott wird diesen charismatischen Mann in seinem Reich gebrauchen und mich hat er anscheinend dazu auserwählt, ihn so sehr mit Liebe zu überhäufen, dass er sich zu diesem Mann Gottes hin entwickeln würde. Da waren keine Verliebtheitsgefühle von meiner Seite, unbewusst nur Mitleid für seine traumatische Geschichte. Es reichte, wenn er verliebt war. Sein Bedürfnis zu stillen, machte ich zu meiner Aufgabe. Verliebt war ich in meine Vision, ihn zu retten. Voilà. So passt Topf und Deckel perfekt zusammen:

Co-abhängige junge Frau mit Helfersyndrom trifft auf Narzissten!

Bekannte Muster wiederholen sich…
Aus meiner Herkunftsfamilie mit einem narzisstischen Elternteil war ich so erzogen, meine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und die Erwartungen der andern (meiner Mutter) zu erfüllen. Mein Leben drehte sich darum, dass es ihr und anderen gut ging. Damit hatte ich eine Lebensaufgabe. Ich wurde gebraucht und wenigstens dann gesehen, so glaubte ich. Mein Selbstwert war am Boden; nie gut genug zu sein, ist anstrengend. Grenzen haben durfte ich nicht. Gefühle hatten keinen Platz. So blieb mir nur, sie zu verdrängen. Mein Vater brach meinen Willen in der Pubertät, als ich mich gegen seinen autoritären Erziehungsstil auflehnte. Somit war ich das perfekte »Opfer« für einen Narzissten.

Die Beziehungsdynamik in unserer Ehe
Es herrschte ein ständiges Wechselspiel zwischen Idealisierung und Abwertung. »Du bist mein Ein und Alles! Die beste Frau. Ich habe dich nicht verdient.« Das schmeichelte mir und gab mir das Gefühl, in seinen Augen doch etwas wert zu sein. Die Idealisierung hielt nie lange an. Dann zeigte er sich wieder völlig gefühlskalt, hart und stieß mich von sich. Mein Leben drehte sich nur um ihn und seinen Erfolg. Als Frau unterstützte, stärkte und ermutigte ich ihn, und hoffte, von seinem Glanz etwas abzubekommen.

Eine konstante Unruhe in seinem Leben führte dazu, dass wir alle zwei Jahre umzogen. Ein enormer Kraftakt für mich, denn ich war diejenige, die alleine Hand anlegen musste. Er war sich zu schade dafür. Nie ankommen. Nie ausruhen. Immer in Bewegung. Auf der Flucht vor sich selbst und der Angst, dem Schmerz zu begegnen, der tief im Inneren schlummerte.

Gefühle bedrohten ihn: »Ich kann deine Tränen nicht mehr sehen!«, schrie er mich an. Er verbot mir, Gefühle zu zeigen. Ich durfte weder in der Kirche noch unter Freunden weinen. Bei Geschäftsessen mit Kunden hatte ich als das Statussymbol, das ich in seinen Augen war, immer zu lächeln.

Ständig übertrat er meine Grenzen, indem er mit jeder Frau flirtete, die ihm begegnete. Das ist nicht übertrieben. Meine Würde trat er so mit Füßen. Kritik konnte er nicht ertragen. Wenn ich ihm erklärte, dass mich sein Verhalten verletzte, drehte er den Spieß um und ich stand am Ende als die Schuldige da. »Du bist nur eifersüchtig. Du bildest dir das alles ein. Du hast ein Problem!« Ich glaubte seinen Worten und verdrängte meine Wahrnehmung.

Er war immer das gekränkte Opfer. Verantwortung für sein Tun zu übernehmen war ihm fremd. Selbst als ans Licht kam, dass er mich betrogen hatte, schob er alle Verantwortung auf andere. Wie war meine Reaktion? Er tat mir leid. Ich verspürte nicht einmal Wut, sondern vergab als christliche Ehefrau die Fehltritte. »Verlass mich nicht, ich kann nicht ohne dich leben«, flehte er mich an. Ich musste ihn doch retten, er war verloren ohne mich – so dachte ich. Emotional wie finanziell war ich von ihm abhängig.

Wir waren heillos ineinander verstrickt und brauchten einander, aber das war keine Liebe.

Ein trauriges und gefährliches Schauspiel. Ich war gefangen in einem goldenen Käfig: einsam, verwirrt, geplagt von Angstzuständen, Depressionen, abhängig von einem Mann, der mich wie eine Schachfigur auf seinem Schachbrett benutzte. Wenn ich ihm nicht mehr dienlich war, tauschte er mich mit der nächsten Figur (Affäre) aus.

Das Ehe-Aus…
Scheidung kam für mich nie in Frage. Ich hoffte, betete und kämpfte noch mehr. Am Rande meiner psychischen Kräfte fing ich an, meine Baustellen anzuschauen. Der Besuch einer Seelsorgeschule half mir, Verletzungen und Muster aus meiner Kindheit aufzudecken. Meine Identität in Gott durfte wachsen. Ich wurde unabhängiger und fing an, ihn in Frage zu stellen. Unser System kam ins Wanken. Für eine gelingende Beziehung braucht es zwei Menschen, die bereit sind, an sich und miteinander zu arbeiten, das wurde mir immer mehr bewusst. Doch dazu war mein Ex-Mann nicht bereit.

Nach 16 Ehejahren gestand er mir unfreiwillig, dass er sein langjähriges Doppelleben nicht mehr verstecken, aber auch nicht aufgeben wollte: »Ich kann ohne dich nicht leben, aber ich will weiter meine Affären haben.« Schuld oder Reue empfand er nicht. Seltsamerweise waren seine Worte befreiend für mich. Endlich hatte ich die Gewissheit, dass meine Wahrnehmung immer richtig war. In seinem zerstörerischen Spiel wollte ich nicht mehr mitspielen. Schluss mit Lüge, Betrug und Demütigung und dem ständigen Kreisen um ihn und seine Bedürfnisse.

Ich zog eine Grenze und reichte die Scheidung ein. Ohne ein Wort der Widerrede willigte er ein. Mich brauchte er nicht mehr. Mittels Recherche fand ich heraus, dass er seiner Geliebten schon Monate vor unserer Trennung die Ehe versprochen hatte. Tatsächlich heiratete er sie kurz nach unserer Scheidung.

Happy End? Der Weg lohnt sich!
Heute bin ich seit zehn Jahren wieder verheiratet. Unsere Ehe ist auf dem Fundament der Treue, der Liebe und des Respekts aufgebaut. Ich habe gelernt, meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren.

Nein, es waren keine leichten Jahre und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Es gab viel Schmerz und Wut zu verarbeiten. Mich mit meinen Mustern der Co-Abhängigkeit auseinanderzusetzen, war (ist) kein Spaziergang. Ich war Opfer, genau wie mein Ex-Mann in seiner Kindheit. Und wir wurden zu Tätern. Aber wir müssen es nicht bleiben! Dankbar bin ich über kompetente Beratung und natürlich Gottes Beistand und Heilung in den vergangenen Jahren.

Es ist möglich, aus einer toxischen Beziehung auszusteigen und ein Leben in Würde, gegenseitigem Respekt und Liebe zu führen. Wir sind dazu berufen, ein Leben in Abhängigkeit und Vertrauen zu unserem Vater im Himmel zu leben, der unseren Wert sieht und unsere Würde achtet.

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